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Am Anfang war die Selbstreferentialität – Ein kybernetischer Exkurs über Blogger und die Welt

13 August 2008 21,403 views 4 Kommentare
Romanesco

Kybernetik im Romanesco

Wie kommt man zu so einer Headline? Ganz einfach! Indem man die unterhaltsamen Beiträge von Klaus Jarchow liest und ein Meer an Neuronen entsprechende Assoziationen in mir hervorrufen.

In seinem Beitrag geht es um den Vorwurf der Selbstreferentialität. Da werfen die Blogger der alten Welt, also den klassischen Medien, Selbstreferentialität vor und die konventionelle Presse wirft der PR 2.0 (Public Relation 2.0) oder den Bloggern ebenso Selbstreferentialität vor. Unter der Selbstreferentialität versteht man “auf sich selbst beziehend”. Die Kritiker sagen, der “beweihräuchert” sich selbst, anstatt eine Empfehlung durch einen Dritten aussprechen zu lassen. Auf der anderen Seite könnte man auch sagen, jener, der sich auf sich selbst bezieht, ist äußerst Selbst-bewußt!

Selbstreferentialität an sich ist weder schlecht noch gut. Klaus gab in seinem Artikel bzgl. der Selbsreferentialität einen wichtigen Hinweis, um die Brücke zu diesem kybernetischen Exkurs zu schlagen:

Vielleicht könnten sich alle Raufbolde ja darauf einigen, dass es sich – ob Blog oder Zeitung – bei Mediensystemen zunächst einmal um ’soziale Systeme’ im Sinne Luhmanns handelt; Systeme also, die kommunikativ durch Sinngebung Differenzen zur Umwelt ausbilden und damit überlebensfähig werden. Wobei sie auf ihre sinnkonstituierenden Lego-Steinchen notwendigerweise deshalb zurückgreifen müssen, weil nur unaufhörliche Rekursivität – um hier mal den konkurrienden kybernetischen Ausdruck zu verwenden – ein System geschlossen und damit stabil erhält. Weshalb alle sozialen Systeme notwendigerweise immer selbstbezogen sind.

Es ist also “urnatürlich”, sich auf sich selbst zu beziehen und deshalb unsinnig auf Selbstreferentialität zu schimpfen. Wenn ein Dritter eine Empfehlung ausspricht, dann basiert dies darauf, dass bereits eine Beziehung zwischen diesem Dritten und der Person besteht, für die die Empfehlung ausgesprochen wird. In dieser Beziehung muss es eine Art Selbstreferentialität geben, was ich folgt wie zeigen möchte. Ich stelle mir das in etwa so vor, wobei AN für Auftragnehmner steht und AG für Auftraggeber:

AG zu potentiellen AN: “Lieber potentieller AN, kannst Du mir X bauen/leisten?”

AN zu AG: “Ja das kann ich, dass habe ich schon einmal getan.” oder “Ja, das kann ich/traue ich mir zu, obwohl ich es noch nie gebaut habe.”

Wie auch immer der Auftragnehmer antwortet, er kann nur selbstreferentiell antoworten, wenn er sich zutraut, den Auftrag zu erfüllen! Wenn jetzt irgendwann dieser Dritte, der Auftraggeber, den Auftragnehmer empfiehlt (vorausgesetzt der Auftrag wurde sehr gut ausgeführt), steckt ja schon die Selbstreferentielität drin – sonst wäre ja nie der Auftrag zustande gekommen. Selbst wenn dieser AG wiederum eine Empfehlung hatte, muss es irgendwie ja angefangen haben? Man könnte also sagen:

“Am Anfang war die Selbstreferentialität”

Kommen wir aber nun zum kybernetischen Exkurs. Wie Klaus so schön erwähnte, ist der konkurriende kybernetische Ausdruck zur Selbstreferentialität die Rekursion. In der Informatik sind rekursive Funktionen sich selbst aufrufende Funktionen, also auf sich selbst beziehende Funktionen und somit “selbstreferentielle” Funktionen.

Fraktale werden durch Selbstreferentialität – durch Rekursion – erzeugt. Fraktale werden allgemein als “schön” empfunden und haben die Eigenschaft der Selbstähnlichkeit.

Einige von diesem mathematisch, rekursiv erzeugten Strukturen habe ich von der freien Bilddatenbank pixelio.de heruntergeladen und hier in eine Galerie gepackt.

Was das mit Kybernetik zu tun hat? Bei der Rekursion handelt es sich eigentlich um eine einfache Rückkoppelung, das Ergebnis t wird dazu genutzt, um das Ergebnis t+1 zu erzeugen. Der Ausgang wird quasi auf den Eingang zurückgekoppelt. Und die Rückkopellung ist ein wesentliches Element der Kybernetik erster Ordnung.

Was aber hat das ganze mit dem Romanesco, einer Blumenkohlvariante zu tun, verwandt mit dem Broccoli? Schaut man sich den Romanesco genau an, so sieht man viele selbstähnliche “Strukturen”. So wie sie in den Fraktalen vorkommen. Diese Fraktale kommen in der Natur oft vor. So ist eigentlich jeder Baum ein Fraktal, er beginnt mit einem Stamm und an dem Stamm sind viele kleinere Stämme und an diesen kleinen Stämmen sind wieder kleine Stämme, an diesen sind Verästelungen, an diesen Blätter. Und wenn man sich die Blätter genau anschaut, wird man wieder solche selbstähnlichen Verästelungen auf dem Blatt sehen.

In dieser zweiten Galerie kann man sich den Romanesco, ebenso den Farn und ein Blatt anschauen. Selbstähnlich, rekursiv, kybernetisch.

Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft und aus der eigenen Selbstreferentialität ausbrechen kann, der wird zum Beobachter 2. Ordnung und kann sehen, dass die Welt aus Fraktalen und viel Kybernetik besteht. Selbst der Mensch ist auf seine Weise ein Fraktal, er repoduiziert sich selbst, ist selbstähnlich und ur-natürlich somit selbstreferentiell unterwegs …

 

Über

Bloggt seit 2006 und ist Inhaber der Internetagentur SLTalk & Partner. Als Trainer und Berater ist er im IT-Umfeld bundesweit tätig. Er ist Dozent für Neue Medien an der DHBW Mannheim und an der Hochschule Fresenius tätig. Für den Studiengang Social Media Manager ist er am ILS Fernlehrer. Er ist Gründungsmitglied des BVMM und Mitglied bei der Gesellschaft für Wissensmanagement (GfWM).

4 Kommentare »

  • Klaus :

    Hallo Andreas,

    klasse Transformation der Selbstreferentialität und der rekursiven Funktionalität auf die Beziehung zwischen einzelnen Akteuren sowie der Wahrnehmung von Akteuren. Aus dem Prinzip der Selbstähnlichkeit schließe ich das die Wahrnehmung eines Akteurs dann auch nach vielen Rekursionen immer einen Teil der Selbstreflektion enthält

    Dies ist eine interessante Erkentniss und unterstreicht die Bedeutung der eigenen Wahrnehmung

    Gruß,

    Klaus H.

  • Andreas Mertens (author) :

    Hallo Klaus,

    schön Dich hier zu treffen :-) Ich hoffe es geht Dir gut?

    Deine Aussage kann ich bestätigen. Das ist so! Das Schöne daran ist, dass wir Menschen uns dadurch Unterscheiden und jeder ein Idividuum bleibt. Selbst wenn zwei Menschen ähnliche Erfahrungen machen, macht jeder seine eigene Erfahrung (siehe auch Zwillinge). Die Wahrnehmung ist rekursiv mit unendlich vielen Wahrnehmungs-Itterationen (bis zum Tod, was danach passiert, weiß ich noch nicht, dass kann man ich “nur” glauben).

    Selbstverständlich hat die eigene Wahrnehmung eine besondere Bedeutung. Interessant in diesem Zusammenhang ist natürlich auch der Abstand der eigenen Wahrnehmung (Selbstwahrnehmung) zu den Fremdwahrnehmungen.

    Ich vermute, dass zur Genialität ein Abstand zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmungen notwendig ist und die Genialität dadurch von der Durchschnittlichkeit abgrenzt. Auf der anderen Seite kann es zu erheblichen Problemen führen, wenn die Selbstwahrnehmung zu stark abtriftet und dadurch zur sozialen Ausgrenzung führt. Daher ist eine regelmäßige “Erdung” von Vorteil, wenn man zu der Gruppe Mensch gehört, die dazu fähig ist, die Beobachtung zweiter und höherer Ordnung einzunehmen :-)

  • Selbstreferentiell « microblog :

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